Der Schatz im Andreasberg

In alten Zeiten, als in der Nähe des Andreasberges im Harz nur einige ärmliche Hütten standen, lebte in einer derselben ein armer Bergmann mit seiner Tochter Walburga. Er nährte sich und sein schönes Kind ehrlich und redlich. Ersparnisse konnte er nicht machen, der Verdienst war zu gering, und Walburga dachte mit Sorge an die Zukunft. Sie hatte Georg, ihren Jugendgespielen, von ganzen Herzen lieb, und er liebte sie wieder. Doch hatten beide keine Aussicht, sich einmal zu heiraten. Denn wo sollten sie eine Aussteuer hernehmen?

Eines Frühlingsabends saßen alle drei vor der Hütte des Vaters Anton, so hieß Walburgas Vater, und genossen die schöne Harzluft. Da erzählte Vater Anton die Sage vom Schatz im Andreasberg. Er sagte auch, das ihn bisher noch niemand gefunden habe. Denn er läge tief im Gestein verborgen, und nur wer die Springwurzel hat, kann ihn gewinnen.

"Und wo findet man die Springwurzel?" fragte Georg. Schoss es ihm doch sofort durch den Sinn, dass mit der Springwurzel und dem Schatz alle Not ein Ende haben könnte. Doch Vater Anton lachte: "Wenn man das wüsste, könnte jeder hingehen und den Schatz heben."

Nicht lange danach ging Georg zum Brocken, Edelweiss zu suchen. Es wurde nämlich ein Bergmannsfest gefeiert, und Walburga sollte sich damit schmücken. Der Weg war weit, und als Georg oben anlangte und sah, dass er den beschwerlichen Weg nicht umsonst gemacht hat - denn die gesuchten Blumen standen rings herum - legte er sich auf ein moosiges Plätzchen, um sich von der anstrengenden Wanderung auszuruhen. Auf dem Wege zum Brocken hatte er fortwährend an den Schatz im Andreasberg gedacht und darüber nachgesonnen, wie er zu heben sei. Als er sich nun behaglich ausstreckte, sagte er unwillkürlich vor sich hin: "Wenn mir nur jemand die Springwurzel dazu geben könnte."

In diesen Gedanken schlief Georg fest ein. Da träumte er, dass ein Zwerg an seiner Seite stünde. Dieser flüsterte ihm ins Ohr: "Wenn du erwachst, grabe den zu deinem Haupte stehenden Strauch aus! Es ist eine Springwurzel. Mit seiner Hilfe wirst du den Schatz im Andreasberg finden und aller Sorgen ledig sein."

Als Georg erwachte, wusste er nicht, wo er war, so fest hatte er geschlafen. Doch da kam ihm die Besinnung auf seinen Traum. Schnell sprang er auf und sah nach dem Strauch. Dieses kleine, unscheinbare, vertrocknete Ding, einer Rute ähnlich, sollte eine kostbare Springwurzel sein? Kaum zu glauben! Doch grub er den Strauch mit der Wurzel aus und steckte ihn in seinen Brotsack. Dann pflückte er noch einen Strauss für Walburga und machte sich auf den Heimweg.

Natürlich sagte er keinem, nicht einmal Walburga, von seinem Fund. Aber am ersten freien Tag machte er sich auf, die Wunderkraft der Springwurzel zu erproben. In den Stolln hinein mochte er der Bergleute wegen nicht gehen. Also find er an,außen am Berg herumzuklettern und den Ort ausfindig zu machen, wo der Schatz lag. Er suchte den ganzen Berg ab, aber die Wurzel rührte sich nicht in seiner Hand.Schon hatte er alle Hoffnung aufgegeben und wollte den Heimweg antreten, als er einen alten, halb verschütteten Stolln fand, den er noch nie gesehen hatte. Da fühlte er plötzlich, wie sich die Springwurzel in seiner Hand regte. Schnell fing er an, an dieser Stelle zu graben. Es dauerte auch nicht lange, da sah er den Eingang zu einer Höhle. Er steckte sein Grubenlicht an und kroch mit der Wurzel hinein.

Tropfsteingebilde schimmerten ihm entgegen. Die Höhle war nicht gross, schien auch weiter keinen Ausgang zu haben. Wieder regte sich die Wurzel in seiner Hand, sprang gegen die Tropfsteinwand und fiel dort zu Boden. Georg fing an, diese Wand zu bearbeiten. Er arbeitete, dass ihm die Schweißtropfen herunterliefen.Endlich sah er es goldig schimmern. Gold im Gestein! Dicke Adern! Er hämmerte heraus, soviel er tragen konnte. Dann verschloss er den Eingang zur Höhle, trat auch noch Steine und Erde in dem alten Stolln fest und machte sich auf den Heimweg.

Walburgas und dessen Vaters Freude wollten kein Ende nehmen, als er ihnen sein Erlebnis erzählte und seinen Schatz hervorholte. Doch bemerkte Georg zu seinem Erschrecken, dass er die Springwurzel in der Höhle vergessen hatte. Er machte sich gleich am nächsten Tage auf, um sie zu suchen. Doch der alte Stolln war nirgends zu finden, es konnte sich auch keiner entsinnen, dass es je einen solchen gegeben habe. Aber er war ja nun reich genug, und so gab er sich zufrieden.

Nach einem Jahr waren alle baufälligen Häuschen neu aufgebaut und mit Georgs Hilfe noch andere dazu gekommen. Walburga, Vater Anton und Georg konnten sich bis an ihr Ende ihres Glückes freuen.