Der Glockenguss zu Stolberg

Am Hardtwalde bei Steigerthal steht ein alter Stein, in den eine Glocke und eine Keule eingehauen sind. Was mag er bedeuten?

In Stolberg am Harz wohnte einst ein gar geschickter Glockengießer, und weit und breit erklang von manchem Turm ein liebliches Geläute zur Ehre Gottes, das aus seiner Werkstatt hervorgegangen war.

Nun bestellte auch die Stadt Stolberg bei ihm eine Glocke, und voller Freude darüber, dass er seinem Heimatort ein Werk seiner Hände hinterlassen konnte, machte er sich an die Vorbereitung zum Guss, um eine Glocke herzustellen, die alle anderen, die er geschaffen hatte, weit übertreffen sollte.Aber diesmal wollte ihm der Guss, soviel er auch sann und suchte, durchaus nicht nach Wunsch gelingen.

Verdrießlich unterbrach er seine Arbeit und machte sich auf, um seinen Vater, der ein berühmter Glockengießer in Nordhausen war, um Rat zu fragen. Seinem Gesellen aber befahl er, auf den Tag seiner Rückkehr alles zur Wiederaufnahme des Gusses bereit zu halten. Damit war der Geselle nun bald fertig, und er sann und zerbrach sich den Kopf, warum dem Meister, mit dem er schon so manche schöne Glocke gegossen hatte, diesmal die Arbeit nicht gelungen war. Nach langem Grübeln glaubte er den Grund erkannt zu haben, und nun arbeitete er rastlos Tag und Nacht, um den Meister freudig zu überraschen, und siehe, der Guss gelang vortrefflich.

Doch jetzt mischte sich in seine Freude auch die Besorgnis, ob der Meister seine Eigenmächtigkeit gutheißen werde, und er beschloss, ihm entgegenzugehen und ihm alles zu gestehen. Er traf ihn am Hardtwalde bei Steigerthal, wie er sich da niedergelassen hatte, um ihn von dem anstrengenden Marsche zu erholen. Verwundert schaute der Meister auf, als er den Jüngling ihm entgegenkommen sah, und erkundigte sich nicht ohne Besorgnis, wie es zu Hause stände. Da konnte dieser das Geheimnis nicht länger bewahren, und erzählte dem Meister, wie alles gekommen war, und dass die Glocke nun fertig und wohlgelungen zu Hause stehe. Je weiter er sprach, desto dicker schwollen dem Meister die Zornesadern; die Scham, von seinem Gesellen übertroffen zu sein, wurde zur grimmigen Wut, und ohnezu wissen, was er tat, sprang er auf, ergriff seinen Knotenstock und versetzte dem Jüngling einen so gewaltigen Hieb über das Haupt, dass er lautlos zusammenbrach.

Als er den unglücklichen Gesellen blutüberströmt am Boden liegen sah, da erwachte er aus seinem Zorn; das Entsetzen ob der grässlichen Tat packte den starken Mann, und von Gewissensangst gejagt, eilte er von dannen. Doch bald kehrte er um und lief denselben Weg wieder zurück; vielleicht war der Unglückliche noch zu retten, der Blutstrom noch zu stillen. Vergebliche Hoffnung – er lag starr und kalt, mit gebrochenem Auge da.

Nun irrte er die ganze Nacht unstät und flüchtig im Walde umher. Als aber der Morgen anbrach, wurde er ruhiger; er wusste nun, was er zu tun hatte.  Er ging nach Stollberg und stellte sich dem Gerichte, und da er selber alles eingestand, so bedurfte es keiner langen Untersuchung; er wurde zum Tode verurteilt und nach der Hinrichtung an der Stelle eingescharrt, wo er zum Mörder geworden war. Der erschlagene Jüngling aber wurde  auf dem Kirchhofe des jetzt wüsten Dorfes Grumbach begraben.