Das wundersame Geschenk

Jörg, der Köhlerjunge, liebte die schöne Kaufmannstochter Elsbeth aus Andreasberg. Auch das Mädchen, ein bescheidenes, fröhliches Wesen, war dem Burschen herzlich zugetan. Doch wollte es zwischen ihnen nicht zur Hochzeit kommen, denn Elsbeth Vater, dem im Leben nichts wichtiger war als das Geld, dachte nicht daran, einen armen Köhler zum Schwiegersohn zu nehmen. „Du heiratest einen reichen Mann“, pflegte er zu sagen. „Und wenn du das nicht willst, kommst du in ein Kloster. Basta!“. Die beiden jungen Leute konnten aber nicht von einander lassen. Doch konnten sie sich nur noch heimlich, im Wald treffen.

Als Jörg wieder einmal neben seiner Hütte am Meiler stand, trat ein Mann zu ihm. Er hatte einen weiten Mantel an und einen breitrandigen Hut auf dem Kopf – eine Kleidung , die man im Harz nicht kannte. Der Fremde fragte, ob er sich am Feuer wärmen dürfe. Zu Hause, in seiner Heimat, wäre es warm, aber hier müsste er frieren. Jörg erlaubte es ihm sofort, brachte ihm auch ein Stück Brot und Ziegenkäse, damit er sich stärken könne. Der Fremde aß alles. Als er ging, drückte er dem Burschen ein paar Körner in die Hand als Dank für die freundliche Bewirtung. Dazu sagte er: „Es ist der Samen der Johannisblume, die oben am Brocken wächst. Wenn du die Körnchen in die Schuhe tust, wirst du unsichtbar. Man kann dich wohl hören, aber nicht mehr sehen. Hüte sie wohl!“ Dann drehte er sich um und war bald zwischen den Tannen verschwunden.

Jörg drehte die Samenkörner um und um. Er glaubte nicht an das, was der Fremde gesagt hatte, dachte aber bei sich: ich kann’s ja mal versuchen! Er steckte die Körner in die Schuhe und arbeitete ruhig weiter.

Wenig später besuchte ihn Elsbeth. Wie erschrak sie jedoch, als sie ihren Liebsten nur sprechen hörte, ihn aber nicht sehen konnte. Schnell entfloh sie diesem Ort, Jörg, der nicht mehr an das Geschenk des Fremden dachte, hinterher. Dabei verlor er die Schuhe – und war plötzlich wieder leibhaftig sichtbar. Schnell erzählte er nun, was ihm begegnet war. Elsbeth meinte darauf, dass der Fremde sicherlich ein Venediger gewesen sei. Jörg solle nur die Samenkörner gut aufheben, sicher könnten sie ihnen noch gute Dienste leisten.

Schon am anderen Tag kam Elsbeth aufgeregt wieder zu Jörg. „Mein Vater lässt meine Hochzeit richten“, sagte sie. „Und der solle mich zur Frau bekommen, der das meiste Geld zu bieten hat. Die ganze Nacht habe ich wachgelegen und darüber nachgedacht, wie uns zu helfen sei. Nun höre meinen Plan: All die Kaufleute, die dir deine Holzkohle abgenommen haben, sind Betrüger, denn sie zahlen dir zu wenig. Ich habe ausgerechnet, wie viel du hättest bekommen müssen, und es ist eine stattliche Summe dabei herausgekommen. Du weißt wo die Kaufleute wohnen. Wandere hin, lege die Samenkörnchen in die Schuhe, nimm von ihrem Reichtum, was dir zusteht, und komme zurück! Du wirst dann so viel Geld haben, dass mein Vater nichts mehr gegen eine Heirat sagen kann. Auch stiehlst du dabei nicht, sondern nimmst dir nur das, was du verdient hast.“

Jörg war sogleich einverstanden, schnürte sein Ränzel, verschloss die Hütte, steckte den Samen in die Tasche, nahm Abschied von seiner Liebsten und wanderte los. Bei allen Kaufleuten nahm er das Geld, das ihm zustand, aus den Truhen und packte es schließlich vor Elsbeths Vater aus. Der machte große Augen und war mit der Hochzeit einverstanden. Das viele Geld lockte gar zu sehr.

Als die Liebenden in ihre kleine Hütte zogen, da hielten sie den Samen der Johannisblume fein säuberlich verwahrt in einem Kästchen. Er blieb ihr größter Schatz zeitlebens lang und half in mancherlei Not und Gefahr.