Der Förster und die Venediger

Ein Förster aus Scharzfeld im Harz ging einst am Johannistag in den Wald. Da sah er in einem jungen Gehege drei fremdartig gekleidete Gestalten, einen alten Mann und zwei stattliche junge Männer. Diese wühlten mit allerlei Werkzeugen die Erde auf und beschädigten seine Pflänzlinge. Der Förster wollte sie hart anfahren. Aber die Fremden sahen ihn so freundlich an, dass sein Zorn verrauchte. Darum sagte er: „Sehet ihr denn nicht, ihr Herren, dass ihr den ganzen Anwuchs zertretet und mir meine Bäumchen verderbt?“

Einer von ihnen antwortete: „Wir wollen schon gern allen Schaden ersetzen, wenn ihr uns hier graben lasst. Wir kommen aus Venedig, und hier in der Schonung liegen Steine, die wir sonst nirgends finden. Um sie zu holen, sind wir so weit hergekommen.“ Die Höflichkeit der Fremden nahm den Förster ganz ein, und er ließ sie ohne jedes Entgeld graben.

Jahrelang, allemal am Johannistag, traf er die Männer seitdem in der Schonung. Eines Sommers aber waren sie an dem bestimmten Tag nicht da. „Sie werden schon noch kommen“ dachte der Föster. Er legte sich unter einen Baum und war auch bald eingeschlafen. Als er aufwachte, guckte er sich erstaunt um. Immer wieder rieb er sich die Augen, aber er fand sich nicht zurecht. Das war doch nicht sein Wald und die Gegend von Scharzfeld, wo er sich befand. So einen Garten, solche Bäume und so ein Schloss, dass da von weitem blinkte, hatte er in seinem Leben noch nicht gesehen. Er bekreuzigte sich, betete ein Vaterunser nach dem anderen, aber es half alles nichts – er blieb, wo er war.

Auf einmal tat sich das goldene Gartentor auf. Ein Mohr kam heraus und führte de erstaunten Förster geradewegs in das Schloss. In einem großen Saal musste er warten. In diesem standen lebensgroße Tiere aus purem Gold. Diese waren so seltsam und naturgetreu, dass darüber der Förster all die übrige Pracht vergaß. „Willkommen in Venetia!“ rief’s da hinter ihm. Als er sich her umdrehte, betraten die drei Steinesucher aus dem Scharzfelder Wald den Saal. Diese begrüßten ihn freundlich und fragten ihn, welches von den goldenen Tieren ihm wohl am besten gefalle. Dem Förster fiel die Wahl nicht schwer, denn der goldene Hirsch hatte es ihm gleich angetan. „Ja, da staunt ihr“, sagten seine Bekannten. „Seht euch nur um. All den Reichtum haben wir zum großen Teil aus eurer Schonung. Das Gestein war voll Gold, und ihr guten Harzer habt es nicht gewusst. Aber danken wollen wir euch doch, darum haben wir euch her gewünscht. Lasst es euch bei uns wohl sein!“ Das ließ sich der Förster nicht zweimal sagen. Er langte beim Mahl wacker zu und verachtete auch den Wein nicht. Müde legte er sich spät in der Nacht in ein kostbares Bett. Morgen wollte er seine Freunde fragen, wie er denn überhaupt hierhergekommen sei – das waren seine Gedanken beim Einschlafen.

„Was einer doch für närrisches Zeug träumen kann“, rief der Förster beim Aufwachen. Lag er doch unter der Buche im Scharzfelder Wald. Aber was war denn das? Da stand ja der goldene Hirsch, den er sich gewünscht hatte, neben ihm und schaute ihn mit seinen Diamantaugen an, als wäre er lebendig.

So hatte er doch nicht nur geträumt. Als er nach Hause kam, fiel ihm seine Frau um den Hals. Da erfuhr er, dass er lange Zeit fort gewesen war und niemand sagen konnte, wo er war. Er erzählte sein Abenteuer, und viele Leute kamen herbei, um den goldenen Hirsch zu sehen. Auch der Fürst hörte davon. Nach langem Reden hat er daraufhin dem Förster den Hirsch abgekauft. In dem Kunstkabinett kann man ihn noch sehen, wenn er nicht unterdessen abhanden gekommen ist.