Die Schatzgräber von Harzgerode

Zwei Waldarbeiter waren im Walde bei Harzgerode beschäftigt. Beide waren arm und klagten einander ihre Not. Viele Kinder, Krankheit und schlechte Zeiten waren schuld, dass sie nicht vom Fleck kamen. Wie aus der Erde gewachsen, stand plötzlich vor ihnen ein Mann mit schwarzen zottigen Haaren, braunem Gesicht und stechend dunklen Augen. „Ihr Harzleute seid ein dummes Volk“, sagte er polternd. „Ihr habt mehr Gold und Silber unter euch, als andere im Geldsack. Ihr sucht nur nicht.“ “Oh ho, nicht suchen!“ riefen beide wie aus einem Mund. „Zeigt uns nur, wo was zu suchen ist – wir wollen schon da sein!“

„Topp!“ erwiderte der Fremde und gab den beiden Waldarbeitern die Hand. „Ich bin heute Abend um elf Uhr hier am Platze. Ich kenn alle Stellen, wo Gold in der Erde steckt. Sprechen dürft ihr aber kein Wort, wenn ihr den Schatz heben wollt!“

Im Walde war es grausig und schaurig, als die beiden Waldarbeiter zu dem vereinbarten Treff gingen. Der Fremde stand auch schon da. Er hatte einen Mantel um die langschlottrige Gestalt geschlagen, trug in der Hand eine Laterne und winkte den Männern, ihm zu folgen. Auf einer Wiese machte er Halt, zog einen Kreis mit einer Radehacke und bedeutete den Arbeitern, hier zu graben. Seltsame Zeichen schrieb der Fremde in die Luft und mahnte die Männer immer mehr zur Eile. Da stieß plötzlich ein Spaten auf Metall. Fast hätten die beiden Männer aufgeschrien vor Überraschung.

Der Mond trat hinter den Wolken hervor, und grelles Licht verbreitete sich über der Wiese. Ein heftiger Sturm fegte ihnen von dem gelockerten Erdreich ins Gesicht. Unheimliche Gestalten erschienen auf der Wiese, die Pfähle in die Erde rammten und einen Galgen bauten. Dabei sprangen sie wild umher und sangen schauerliche Grabeslieder. Die Männer schauten sich erschrocken an. Der Schatz lag vor ihnen; Gold und Silber blitzte ihnen entgegen. Aber das, was sie ringsum sahen und hörten, war doch so entsetzlich und hässlich, dass sie am liebsten davongelaufen wären. Der Fremde hielt sie jedoch fest und bedeutete ihnen durch Zeichen, dass sie sich nicht an den Geister kehren sollten. Diese aber trieben es immer ärger und berieten, welchen der beiden Schatzgräber sie an den Galgen hängen sollten. Da wurde es dem einen Arbeiter aber doch zu bunt. Laut schrie er: “Hängt doch, wen ihr wollt, aber nicht uns!“ Doch so wie ihm das Wort entschlüpft war, war auch der Schatz versunken. Der Schwätzer bekam eine schallende Ohrfeige, aber dann war alles ruhig.

Seitdem hat niemand mehr an der Stelle nach Schätzen gesucht. Der ganze Reichtum an Gold und Silber liegt noch im Wiesengrund und wartet eines glücklichen, aber schweigsamen Sonntagskindes.