Venediger am Brocken

Zu einem Oberharzer, der am Brocken gut Bescheid wusste, kamen einmal mehrere Venediger und fragten ihn, ob er eine Klippe, die sie mit Namen nannten, kenne und sie dorthin führen wolle. Da sich der Mann gern einigen Botenlohn verdiente, war er dazu bereit.

Als sie zu der Klippe gekommen waren, nahm einer der Fremden eine eiserne Rute aus seinem Lederranzen und schlug damit gegen den Felsen. Der spaltete sich, und darunter zeigte sich eine gelbe, lehmartige Erde. Damit füllten sie ihre Ranzen. Dann fragten sie ihren Führer, ob er sich auch etwas davon mitnehmen wolle. Er meinte aber, solche Erde habe er in seinem Garten genug.

Nun zog einer der Venediger eine Flöte aus der Tasche und blies darauf eine gar wundersame Melodie, und von den Tönen angelockt, krochen aus allen Spalten und Winkeln der Klippe Schlangen hervor und schlängelten sich züngelnd im Kreis um die Männer herum. Bald wuchsen sie zu einer zahllosen unheimlichen Menge an, die immer noch größer wurde.

Da wurde dem Führer unheimlich zumute, und er fragte den Spielmann, ob er nicht lieber aufhören wolle zu spielen, und was sie mit dem gefährlichen Ottergezücht vorhätten. Der Spieler ließ sich aber nicht stören. Seine Gefährten wiesen den Oberharzer darauf hin, dass eine bestimmte Schlange noch nicht erschienen sei. Da kroch als letzte von allen eine in den schönsten Farben buntschillernde Otter heran. Sie trug eine kleine goldene Krone auf dem Kopfe. Das war der Otterkönig. Rasch war er von den Venedigern erfasst und getötet.

Während alle übrigen Ottern in ihre Schlupfwinkel flüchteten, schnitt einer der Fremden der Schlange den Kopf ab und zerlegte sie in Stücke. Ein anderer zündete unterdessen ein Lagerfeuer an. Dann zog er eine Pfanne aus seinem Ranzen hervor; sie brieten darin die Schlange und verzehrten sie.

Auch ihren Führer boten sie ein Stück davon an, aber er verschmähte es mit Abscheu. „ So nimm dann wenigstens dies als Andenken mit nach Hause!“ forderte ihn einer der Venetianer auf und reichte ihm einige goldgelbe Blumen, die er an der Klippe gepflückt hatte. Er nahm sie, um sie seinen Kindern mitzubringen.

Nachdem die Fremden die Klippe mit einem Schlag der Wünschelrute geschlossen hatten, entschließen sie ihren Führer mit reichem Lohn und traten den Heimweg an. Aber wie staunte der Harzer, als er daheim die Blumen in eitel Gold verwandelt vorfand. Enttäuscht kam ihm der Gedanke: Ach, hätte ich doch auch von der gelben Erde ein Teil angenommen!